Die deutschen Übertragungsnetzbetreiber und die Bundesnetzagentur erwägen, in Engpasssituationen Stromexporte nach Österreich notfalls einzuschränken, um das deutsche Stromnetz stabil zu halten. Das geht aus dem Bericht der Bundesnetzagentur zur Versorgungssicherheit in den kommenden Wintern hervor, der am 2. Mai veröffentlicht wurde. Derzeit bilden Deutschland und Österreich einen einheitlichen Strommarkt. Es kann also Strom unbegrenzt zwischen den beiden Ländern gehandelt werden. In Spitzenzeiten exportiert Deutschland heute schon 7 000 MW nach Österreich. Deshalb dränge sich auf, „die in den Marktmodellen angenommene beliebig hohe Exportierbarkeit von Strom nach Österreich an die physikalischen Realitäten und die ökonomische Vernunft anzupassen“.

Nach Angaben der Bundesnetzagentur zeigen Berechnungen für den Winter 2017/2018, dass dann in manchen Stunden noch größere Strommengen zum Export nach Österreich anstehen könnten. Eine Reaktion könne darauf sein, zeitweise die Gebotszonen anders zuzuschneiden, wie aus dem Bericht hervorgeht. „Es ist im Einklang mit nationalen und europäischen Rechtsvorschriften gute Praxis, auftretenden Engpässen mit einer möglichst effizienten Bewirtschaftung der Kuppelkapazitäten zu begegnen“, heißt es in dem Bericht. Als Maßnahmen könnten koordinierter Redispatch oder das so genannte Market Coupling auf Basis von lastflussbasiert berechneten Kuppelkapazitäten in Frage kommen. Beim Market Coupling besteht die Möglichkeit, bei auftretenden Engpässen an den Kuppelstellen in verschiedenen Gebotszonen unterschiedliche Preise zuzulassen.
Solche Engpasssituationen können vor allem dann auftreten, wenn die Nachfrage nach Strom in ganz Europa und der Strompreis sehr hoch sind und gleichzeitig in Deutschland aufgrund von Wind und Sonne auch das Stromangebot sehr umfangreich ist. In diesem Fall könnten die Nord-Süd-Leitungen durch den unzureichenden Leitungsausbau in Deutschland durch die zusätzliche Nachfrage aus dem Ausland überfordert werden.

Den Neubau von Kraftwerken durch die Übertragungsnetzbetreiber nur zum Erhalt der Netzstabilität lehnt die Bundesnetzagentur in ihrem Bericht ab. „Insbesondere die längerfristigen Instrumente wie eine mögliche Weiterentwicklung der Regelenergie oder ein möglicher Kapazitätsmechanismus scheinen mit Blick auf die Schaffung von Anreizen zum Kraftwerksneubau besser geeignet“, heißt es in dem Bericht der Agentur. „Bei richtiger Ausgestaltung könnte so neben einem Beitrag zur Stabilität des Stromnetzes zugleich ein Einsatz zur Stützung des Strommarkts erreicht werden“, schreiben die Bonner Beamten.

Zusätzlich schlägt die Bundesnetzagentur in ihrem Bericht vor, künftig die Zulässigkeit der Stilllegung von Kraftwerken nicht nur in Übertragungsnetzen, sondern auch in Verteilnetzen zu prüfen. Bei Engpässen oder anderen Problemen im Verteilnetz sei der Übertragungsnetzbetreiber regelmäßig nicht in der Lage, Auswirkungen einer Kraftwerksstilllegung zu überprüfen. Zwar könnten derzeit durch eine entsprechende Auslegung der Rechtsvorschriften noch sachgerechte Ergebnisse erzielt werden. Dennoch würde sich eine Klarstellung anbieten, dass die Rechtspflicht zur Anzeige der geplanten vorläufigen oder endgültigen Stilllegung auch gegenüber dem Anschluss-Verteilnetzbetreiber sowie gegebenenfalls weiteren betroffenen Netzbetreibern gelte.