Donnerstag, 16. Oktober 2014

Kommentar: Gordischer Kohleknoten und die Stilllegung von Kohlekraftwerken - Krise der Energiebranche



>>>>>Die Stilllegung von Kohlekraftwerken könnte die Großhandelspreise für Strom steigen lassen. Lässt sich so die Krise der Energiebranche mildern? Nachdenken lohnt sich. <<<<<<<

Das Bundeswirtschaftsministerium überlegt nach einem Bericht des „Spiegel“, die Stromproduktion aus Kohle zu reduzieren. Auf den ersten Blick erscheint das weltfremd. Denn auch Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel weiß, dass die Kraftwerksbetreiber genug Probleme haben. Ihnen jetzt auch noch Kraftwerke wegzunehmen, leuchtet da nicht sofort ein.
Auf den zweiten Blick aber könnte die Idee gerade für die Energieunternehmen Charme haben: Je mehr kostengünstige Kohlekraftwerke stillgelegt werden, desto häufiger wird der Großhandelspreis für Strom an der Börse von teureren Kraftwerken bestimmt werden – oft auch von solchen, die mit Gas betrieben werden. Und von einem deutlich höheren Börsenpreis für Strom würden alle Kraftwerksbetreiber profitieren. In Berlin kursieren schon erste Berechnungen, dass Stilllegung von 5 GW alter Steinkohlekraftwerke den Strompreis um 3,5 Euro/MWh ansteigen lassen würde.

Laut Spiegel ist im Bundeswirtschaftsministerium die Stilllegung von 5 GW Steinkohle- und 5 GW Braunkohlekraftwerken im Gespräch. Der kombinierte Preiseffekt daraus dürfte über 7 Euro/MWh liegen. Alle Kraftwerksbetreiber, die weiter im Markt blieben, könnten mit ihren Anlagen wieder weit bessere Einnahmen erzielen. Möglicherweise würden die höheren Strompreise selbst die Gesamteinnahmen derjenigen Unternehmen erhöhen, die einige Kraftwerke stilllegen müssen.
Klimaziele in Gefahr.





Auch Umweltschützer plädieren für die Stilllegung von Kohlekraftwerken, haben dabei aber nicht bessere Zahlen für die Betreiber im Sinn: Die Brutto-Stromerzeugung aus deutschen Braunkohlekraftwerken ist von 2010 bis 2013 von 148 auf 162 Mrd. kWh gestiegen, die Stromproduktion aus Steinkohle stieg im selben Zeitraum von 117 auf 124 Mrd. kWh. Deshalb wachsen auch die deutschen Kohlendioxid-Emissionen und lassen die Energiewende bei oberflächlicher Betrachtung als Lachnummer erscheinen. Wenn im Dezember die Bundesregierung über ihre Klimaschutzpolitik beschließt, wird dies eines ihrer wichtigsten Probleme sein. Die Stilllegung von Kohlekraftwerken würde Klimazielen und Energiewende helfen.

Doch wie könnte die Stilllegung von Kraftwerken erreicht werden? 5 GW veraltete Steinkohlekraftwerke, die wegen technischer Probleme und Unwirtschaftlichkeit freiwillig aus dem Markt ausscheiden müssen, werden sich schon finden. Braunkohlekraftwerke dagegen verdienen derzeit zum Großteil noch Geld und werden wohl kaum aus freien Stücken aus dem Markt ausscheiden. Hier müssten die Politik, wenn sie denn will, nachhelfen - entweder durch schärfere Umweltstandards oder durch Emissionsauflagen. Oder durch eine Verhandlungslösung mit den Betreibern der Braunkohlekraftwerke, also im wesentlichen mit RWE und Vattenfall.


Genügend politische Verhandlungsmasse

Da trifft es sich gut, dass beide Firmen eine Vielzahl von politischen Interessen haben, die viel Verhandlungsmasse hergeben. Die neue schwedische Regierung als Eigner von Vattenfall fremdelt mit der klimabelastenden Braunkohle. Ein Verkauf des deutschen Konzernzweigs ist nicht ausgeschlossen. RWE steht wirtschaftlich auf wackeligen Füßen und wäre für jede Aussicht auf Besserung dankbar. Beide Unternehmen sitzen zudem auf enormen Finanzrisiken für die Entsorgung ihrer Kernkraftwerke und hochradioaktiven Abfälle und würden diese gerne günstig an den Staat abgeben.

Klar ist, dass auf Dauer mehr Geld in die konventionellen Kraftwerke fließen muss, damit diese dauerhaft am Markt bleiben und die Versorgung auch dann sichern, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht. Ob dies über höhere Strompreise oder über einen Kapazitätsmarkt erfolgt, ist eine untergeordnete Frage. Die Stilllegung von alten, umweltschädlichen Kohlekraftwerken kann dem Wähler möglicherweise besser verkauft werden als eine neue Umlage für einen Kapazitätsmarkt.
Das alles vermengt sich zu einem wunderbaren Gordischen Knoten. Dessen Auflösung könnte viele zu Gewinnern machen. Die Angelegenheit ist jedoch ziemlich komplex.

Ob Wirtschaftsminister Gabriel und sein Energie-Staatssekretär Rainer Baake die Absicht und den Mut haben, schon im November mit den geplanten Vorschlägen für die Neugestaltung des Energiemarkts eines solche umfassende Lösung anzugehen, ist die große Frage. Aber darüber nachzudenken, lohnt sich allemal.

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Mehr Informationen von dem Chefredakteur Timm Krägenow und über Energie & Management gibt es auf dem Nachrichtendienst für die Energiewirtschaft E&M powernews. Details unter http://shopping.energie-und-management.de/index.php/online-dienste/powernews-org/2-powernews-org-jahres-abo.html
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