„Intensiv beschäftigt“ sei die Gasbranche derzeit mit der so genannten Marktraumumstellung, sagte bei der Gasfachlichen Aussprachetagung (gat) Ende September in Karlsruhe DVGW-Vizepräsident Michael Riechel. Das gilt für Fernleitungsnetzbetreiber genauso wie für lokale Verteilnetzbetreiber.

Hinter dem sperrigen Begriff Marktraumumstellung verbirgt sich das schon Ende 2015 beginnende schrittweise Umschalten der Gasversorgung von L-Gas auf das energiereichere H-Gas vor allem in weiten Teilen Nordrhein-Westfalens und Niedersachsens. Der Grund dafür ist, dass die L-Gas-Förderung in Deutschland und in den Niederlanden zurückgeht und damit absehbar ist, dass das noch förderbare L-Gas nicht mehr für alle bisher damit versorgten Verbraucher ausreicht.

Stammten zuletzt noch etwa 26 Prozent, also gut ein Viertel des in Deutschland verbrauchten Erdgases aus L-Gas-Feldern vor allem in den Niederlanden und in Niedersachsen, erwartet die Branche für 2030 allenfalls noch einen L-Gas-Anteil von fünf Prozent aus deutscher Produktion.

Der niederländische Produzent NAM hat zudem angekündigt, die Exporte nach Deutschland ab 2020 um jährlich zehn Prozent zu reduzieren. Ein Grund dafür ist, dass die Förderung der letzten Jahre Erdbeben ausgelöst hat.

Ab 2029 steht nach aktuellen Erkenntnissen in Deutschland kein L-Gas mehr aus dem Nachbarland zur Verfügung. Auch die deutsche Produktion ist seit Jahren rückläufig. Man könnte zwar energiereicheres H-Gas durch Zugabe von Stickstoff zu L-Gas verschneiden und dieses dann verteilen, doch das gilt als zu teuer und als keine nachhaltige Alternative. Also bleibt der Branche kein anderer Weg als die Marktrauumstellung.

Aufgabe der Fernleitungsnetzbetreiber dabei ist, ihre Infrastruktur darauf auszurichten, dass künftig genug H-Gas in bisherige L-Gas-Gebiete geliefert werden kann. „Wir koordinieren, wann und wo das H-Gas in den umgestellten Netzgebieten zur Verfügung steht und haben dazu mit den Verteilnetzbetreibern Umstellungsfahrpläne vereinbart oder werden diese noch zeitgerecht abschließen“, sagt Michael Kleemiß, Manager Marketing bei Gasunie Deutschland.

L-Gasnetz wird kleiner − H-Gasnetz wächst



Das Unternehmen kann nach der Umstellung die dann ehemaligen L-Gas-Pipelines für den H-Gas-Transport nutzen. Nur für wenige Leitungsstränge, über die versiegende deutsche Gasfelder an die Versorgung angebunden waren, ist die weitere Verwendung zu prüfen. Dabei sei zu beachten, dass mit H-Gas bei gleicher Volumen-Menge etwa 10 Prozent mehr Energie transportiert werden könne als mit L-Gas, so Kleemiß.

Gasunie Deutschland betreibt im Nordwesten der Republik ein L-Gas- und ein H-Gasnetz. Die Marktraumstellung wird dazu führen, dass das L-Gasnetz des Unternehmens kleiner wird und das H-Gasnetz entsprechend wächst.
Der Fernleitungsnetzbetreiber muss für die Marktraumumstellung aber auch die Einspeisemöglichkeiten anpassen. „Unsere Ausbaunotwendigkeiten im Rahmen des Umstellungsprozesses konzentrieren sich darauf, künftig dem bisherigen L-Gas-Markt H-Gas zuzuführen“, so Kleemiß.

Eine Veränderung im Gasunie-Netz ist bereits abgeschlossen. Anfang Oktober nahm der Netzbetreiber seine neue Verdichterstation im niedersächsischen Embsen bei Achim in Betrieb. Das Unternehmen investierte dafür rund 95 Mio. Euro.
Die Station verstärkt das Transportnetz in Richtung Hamburg, Schleswig-Holstein und Skandinavien. Sie verbindet diese Märkte mit Erdgasimportströmen aus Russland, Norwegen und aus den Niederlanden, die in Greifswald, Emden/Dornum und Oude Statenzijl/Bunde ankommen. Zwei mit Gasturbinen (je 23 MW) betriebene Kompressoren sorgen für einen maximalen stündlichen Gasdurchsatz von 1,16 Mio. m3. „Die Station in Embsen hat auch die Aufgabe, genügend H-Gas in Richtung Wolfsburg zu transportieren, wo es L-Gas ersetzen soll“, sagt Manager Kleemiß.

Zunehmende Dynamik bei Umstellvorbereitung



„Wir stehen zwar noch relativ weit am Anfang der Marktraumumstellungen, doch die Dynamik hat in den letzten Wochen deutlich zugenommen“, so der Manager. Die erste über das Gasunie-Netz versorgte Region, in der die Marktraumumstellung bereits 2015/16 in einem Pilotprojekt umgesetzt wird, ist der Raum Walsrode-Fallingbostel. Auf lokaler Ebene betrifft das die Netze der Stadtwerke Schneverdingen-Neuenkirchen, der Stadtwerke Böhmetal, die Avacon AG sowie zwei Industrieparks. Die nächsten Umstellungen sollen dann 2017 in Achim, Nienburg, Neustadt, im Teutoburger-Wald, in Hüthum und in Bremen-Delmenhorst folgen.

Die Verteilnetzbetreiber sind dafür zuständig, dass sämtliche Geräte und Anlagen in ihrem Netzgebiet auf die Brennstoffveränderung eingestellt werden. Nach Schätzungen der Branche müssen zwischen 2016 und 2030 bei 4,3 Millionen Gaskunden etwa 5,6 Millionen Gasgeräte, also Heizungen, Herde, Industriebrenner und gewerbliche Backöfen auf eine andere Gasqualität angepasst werden. Dafür genügt meist ein Austausch der Gaszuführungsdüse.

Die Umstellung soll laut Netzentwicklungsplan Gas 2015 langsam und schrittweise beginnen, ab 2020 sollen pro Jahr bis zu 450 000 Geräte angepasst werden.
Die Kosten der Marktraumumstellung, von der Bundesnetzagentur jüngst auf knapp 1,7 Mrd. Euro beziffert, werden innerhalb der beiden deutschen Markgebiete Gaspool und NetConnect Germany auf alle Netznutzer umgelegt.

Den Knackpunkt der ganzen Umstellaktion sieht Kleemiß indes nicht bei den Netzbetreibern, sondern eher bei der Anzahl der verfügbaren Dienstleistern für die Geräteanpassung. Er hält es für nicht ganz einfach, genügend spezialisierte Monteure dafür zu finden. Was nicht verwundert. Denn die letzte großflächige Umstellaktion in Deutschland lief beim Wechsel von Stadtgas zu Erdgas in den neuen Bundesländern nach der Wende. Und viele der damals eingesetzten Fachmonteure sind inzwischen im Ruhestand.

„Das Thema Marktraumumstellung kann nur gelingen, wenn die Branche – Stadtwerke, Verteilnetz- und Fernleitungsnetzbetreiber − eng kooperieren. Trotz der vielfältigen Herausforderungen, die sich bereits aus der Umsetzung der Energiewende ergeben, habe ich bislang eine sehr konstruktive Zusammenarbeit feststellen können“, zeigt sich der Gasunie Manager zuversichtlich im Hinblick auf das anlaufende Großprojekt.