Samstag, 17. Januar 2015

Die Rolle des Systemdienstleisters ausbauen

 

 Bild: Fotolia.com, Stephan Leyk  

Horst Seide, Präsident des Fachverbandes Biogas, über den Strommarkt der Zukunft. 

Das Selbstverständnis der Bioenergiebranche im Strommarkt der Zukunft ist das eines Systemdienstleisters: Wir springen ein, wenn Wind- und Solarenergie nicht zur Verfügung stehen. Wir stellen dem Stromsystem elektrische Leistung bereit, die immer zur Verfügung steht und sich flexibel den kurzfristigen Bedürfnissen am Strommarkt anpasst. Damit konkurrieren vor allem Biogasanlagen mit herkömmlichen Erdgaskraftwerken, die bisher diese Aufgaben übernommen haben. Im Strommarkt ist die Biogasanlage der Zukunft nichts anderes als ein erneuerbares Gaskraftwerk: Wir verkaufen gesicherte flexible Leistung bei gleichzeitiger Wärmenutzung.
Zurzeit wird viel darüber gesprochen, der Strommarkt müsse ein neues Design erhalten, um für die Herausforderungen der Zukunft gerüstet zu sein. Aus Sicht der Bioenergietechnologien ist dies richtig. Allerdings werden oft die falschen Schlussfolgerungen daraus gezogen. Ein oft beklagtes Problem ist, dass Erdgas- und oft auch Kohlekraftwerke nicht mehr rentabel betrieben werden können. Diese Kraftwerke würden aber für die Energiewende gebraucht. Gesicherte Leistung – sei sie flexibel oder auch nicht − braucht „wieder einen Preis“. Aus diesem Grund muss über staatliche Auktionen oder staatlich festgelegte Abnahmeverpflichtungen ein zusätzlicher Zahlungsstrom (Kapazitätsmarkt) für gesicherte Leistung generiert werden, die aus dem Strommarkt selbst heraus nicht nachgefragt wird.


Horst Seide: „Ein Kapazitätsmarkt ist nicht nur teuer, er hemmt auch die Flexibilisierung des Gesamtsystems“ Bild: Fachverband Biogas
Wie sämtliche Studien, die vom Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) zu diesem Thema in Auftrag gegeben wurden, bestätigen, ist diese Situation nur zum Teil dem aktuellen Design des Strommarktes geschuldet, jedoch vielmehr der aktuellen Marktsituation. Auch im heutigen Strommarktdesign hat gesicherte Leistung einen Preis: Mit dem Verkauf von Stromlieferungen, die weit in der Zukunft liegen, wird auch die Garantie verkauft, den Strom zu diesem Zeitpunkt tatsächlich zu liefern – und diese Garantie kann nur geben, wer über gesicherte Leistung verfügt. Das Problem von Kohle- und Erdgaskraftwerken ist nur, dass es heute so viele Anbieter von gesicherter Leistung gibt, dass der Marktpreis viel zu niedrig ist. Durch den Ausbau der erneuerbaren Energien und durch die Marktkopplungen in der zentral-westeuropäischen Strommarktregion haben sich mehr als 60 GW an Überkapazitäten aufgebaut. Durch eine weitere Zusammenführung der europäischen Märkte wird sich diese Zahl noch erhöhen. Dies führt dazu, dass Strom im Großhandel heute sehr günstig zu haben ist und niemand erwartet, dass sich dies in den nächsten Jahren ändert. Warum also heute einen hohen Preis für eine garantierte Stromlieferung in der Zukunft bezahlen, wenn man weiß, dass Strom dann ohnehin günstig sein wird? Das gleiche gilt für die Bereitstellung flexibler Leistung. Die angestauten Überkapazitäten drücken nicht nur den durchschnittlichen Strompreis, sondern dämpfen die kurzfristigen Preisspitzen, die Erdgaskraftwerke benötigen. Künftig 5,25 GW flexible Leistung mit Bioenergieanlagen Vor diesem Hintergrund scheint ein staatlich organisierter Zahlungsstrom für Kohlekraftwerke und Erdgaskraftwerke nicht nur eine unnötig teure Lösung des Problems zu sein. Ein solcher Mechanismus würde auch verhindern, dass sich das Gesamtsystem optimal an die fluktuierende Stromproduktion aus Wind- und Solarenergie anpasst. Der Fachverband Biogas rechnet damit, dass der bestehende Bioenergieanlagenpark in den nächsten Jahren neben 4,25 GW gesicherter Leistung in Grundlast 5,25 GW flexible gesicherte Leistung bereitstellen wird. Insbesondere die Blockheizkraftwerke von Biogasanlagen können innerhalb weniger Minuten herauf- und heruntergeregelt werden, um ihre Produktion nach unerwarteten Abweichungen von Verbrauchs- oder Wetterprognosen auszurichten.
Wenn solche Abweichungen aber nicht auch zu Preisspitzen führen, weil sich nach wie vor die von einem Kapazitätsmarkt gestützten Überkapazitäten im Strommarkt befinden, haben Biogasanlagenbetreiber keinen Anreiz, ihre Produktion entsprechend auszurichten. Das gleiche gilt für die industrielle Stromnachfrage, die Elektromobilität, Speicher und die fossile Kraft-Wärme-Kopplung. Ein Kapazitätsmarkt ist also nicht nur teuer, er hemmt auch die Flexibilisierung des Gesamtsystems. Eine Marktbereinigung zuzulassen und die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass sich Preisspitzen bilden können, wäre volkswirtschaftlich günstiger und effizienter. Auch dies ist eine der Kernaussagen der Studien des BMWi zum Strommarkt. Wie also stellt sich die Bioenergiebranche den Strommarkt der Zukunft vor? Zunächst muss klar sein: Wind- und Solarenergie stellen den Kern des zukünftigen Stromversorgungssystems dar. Der Rest des Systems – unter anderem Bioenergieanlagen, fossile KWK-Anlagen, flexible Verbraucher – richtet sein Produktions- beziehungsweise Verbrauchsverhalten flexibel an der fluktuierenden Stromeinspeisung aus, gesteuert durch die Preissignale an den Kurzfriststrommärkten. Dabei muss es ein gleichberechtigtes Nebeneinander der verschiedenen Akteure geben.

Kapazitätsmarkt hemmt die Flexibilisierung des Gesamtsystems

Neben den Großhandelsmärkten müssen auch die anderen Segmente des Stromversorgungssystems diskriminierungsfrei geöffnet werden. Es sind bereits Bioenergieanlagen mit etwa 1 GW Gesamtleistung für den Regelleistungsmarkt präqualifiziert. Diese Rolle des Systemdienstleisters gilt es, in Zukunft auszubauen. Der Marktanteil an den Regelenergiemärkten soll erhöht und die Übernahme weiterer Systemdienstleistungen wie Regulierung von Blindleistung zur Spannungshaltung angereizt werden.
Vernachlässigt wurde bisher auch der Endkundenmarkt. Die Eigenschaft von Strom aus Wind-, Solar- und Bioenergie, aus einer erneuerbaren Energiequelle zu stammen („Grünstromeigenschaft“), wurde bisher kaum für dessen Vermarktung genutzt, da bei einer Vermarktung über die Strombörse keine Herkunftsnachweise ausgegeben werden dürfen und die einzig echte Alternative – das Grünstromprivileg – mit der Reform des EEG gestrichen wurde. Gerade für Bioenergieanlagen ist der Endkundenmarkt interessant. Zum einen können Bioenergien neben der Wärmeversorgung eine kontinuierliche Stromproduktion sicherstellen, weshalb sie die Erfüllung von Liefergeschäften über einen längeren Zeitraum garantieren können. Zum anderen ermöglichen flexible Bioenergieanlagen die langfristige Vermarktung von Wind- und Sonnenstrom. Zwar ist deren Stromerzeugung nicht über einen langen Zeitraum zu prognostizieren und garantieren. Doch kann die zugesicherte Stromlieferung bei einem Ausfall von Wind- und Solarstrom durch die Bioenergien erbracht werden, wenn all diese Anlagen zusammengeschaltet sind.
Das Fortschreiten der Energiewende wird zeigen, wie der Strommarkt der Zukunft aussehen wird. Eines jedenfalls ist sicher: der Bioenergie kommt in jeglichem Szenario eine wichtige Rolle zu.

Der vorstehende Beitrag zum Thema Strommarkt der Zukunft  wurde bereitgestellt von:

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Januar 09, 2015

Michael Pecka

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