Samstag, 28. März 2015

Offshore-Windstrom billiger als Atomstrom

Bild: Fotolia.com, zentilia

Auf dem jüngsten Treffen der Offshore-Windindustrie in Kopenhagen waren weniger die neuen Multi-Megawatt-Propeller das Gesprächsthema, sondern das Ausschreibungsergebnis für das Projekt Horns Rev 3.Das Wetter in Kopenhagen bot in der zweiten Märzwoche einen Hauch von Vorfrühling. Zwar blies mitunter der Wind recht kräftig, aber die Sonnenstrahlen hatten schon einiges an Kraft. Dieses angenehme meteorologische Ambiente dürfte auch zum Gelingen des diesjährigen Offshore-Windenergie-Treffen der European Wind Energy Association in Dänemarks Hauptstadt beigetragen haben. „Die Stimmung in unserer Branche hat sich seit unserer letzten Konferenz, die vor 15 Monaten in Frankfurt stattgefunden hat, eindeutig gebessert“, konstatierte Jens Tommerup, Geschäftsführer des Offshore-Windturbinenherstellers MHI Vestas.

Tommerup mag da an den ersten Auftrag für seinen Riesenpropeller mit 8 MW Leistung gedacht haben. Ronny Meyer hatte für den deutschen Markt eher die Planungssicherheit im Sinn, die die letztjährige Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes mit sich gebracht hat: „Genau das hat uns in den vergangenen zwei Jahren wirklich gefehlt. Wir wissen zumindest bis 2020, wie es bei uns weitergeht.“
Zu dem von Tommerup und Meyer wahrgenommenen Stimmungsumschwung haben die Fortschritte bei der Kostenreduktion für die Offshore-Windenergie beigetragen. Das jüngste Beispiel dafür sind die Ergebnisse der Ende Februar bekannt gegebenen Ausschreibung für das Projekt Horns Rev 3 vor der dänischen Westküste. Der Vattenfall-Konzern bekam den Zuschlag für sein Gebot von 10,31 Cent pro Kilowattstunde, was, so war in Kopenhagen zu vernehmen, bei Dänemarks halbstaatlichem Energiekonzern Dong Energy für blankes Entsetzen gesorgt haben soll. „Das ist ein Rückgang von 32 Prozent gegenüber unserer letzten Ausschreibung im Jahr 2010“, freute sich hingegen Dänemarks Klimaschutz- und Energieminister Rasmus Petersen, „die Offshore-Windenergie ist nicht mehr weit entfernt von der Wettbewerbsfähigkeit mit den konventionellen Energien.“ Nach seinen Worten werde Horns Rev 3 seinen Strom billiger als die geplanten zwei Atomkraftwerke im südenglischen Hinkley Point erzeugen.
Dänemark ist derzeit das Paradebeispiel für den Ausbau der Windenergie in Europa: Auch dank des Offshore-Ausbaus lag der Anteil der Windenergie an der dänischen Stromerzeugung im vergangenen Jahr bei 39 %, als Zwischenziel sollen es 50 Prozent im Jahr 2020 werden. Das Langfristziel der Kopenhagener Regierung ist es, eine komplett regenerative Stromerzeugung im Jahr 2050 zu erreichen. Petersen plädierte inständig dafür, diesen Weg beizubehalten.
Den warnenden Unterton in seiner Rede während der Auftaktveranstaltung hatte er nicht umsonst angestimmt: Die bislang oppositionelle Volkspartei hat für die wohl im September in Dänemark anstehenden Parlamentswahl bereits angekündigt, im Falle einer Regierungsübernahme die bisherige Energie- und Windenergiepolitik zu überdenken. Allerdings dürfte sich nach den Ausschreibungsergebnissen für Horns Rev 3 ein Teil ihrer bisherigen Argumente gegen die Offshore-Windenergie erledigt haben.
Dass der aktuelle dänische Weg durchaus Vorbildcharakter hat, unterstrich der neue schwedische Energieminister Ibrahim Baylan: „Wir haben das gleiche Ziel wie Dänemark, nämlich unsere Stromversorgung bis 2050 zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien umzustellen.“ Dank der Wasserkraft liegt der landesweite Ökostromanteil nach seinen Worten aktuell bei 53 %. Vattenfalls Atomreaktoren liefern weitere rund 40 Prozent zur Stromerzeugung. Da einige dieser Meiler in den nächsten zehn, 15 Jahren vom Netz gehen, will die Regierung in Stockholm insbesondere die Offshore-Windenergie ausbauen: „Dieser Energieträger hat das größte Ausbaupotenzial bei uns“, betonte Baylan. Im Juni will Schwedens Energieminister die neuen Förderregularien vorstellen: „Das ist notwendig, da wir einen Teil des Atomstroms künftig durch Offshore-Windstrom ersetzen wollen.“
Wenn es auf der EWEA-Offshore-Konferenz einen Trend zu beobachten gab, dann den zu größeren Hochsee-Windpropellern. MHI Vestas hat mit seiner V164 den Benchmark gesetzt. In die gleiche Größenklasse will das neue Joint Venture zwischen Areva Wind und Spaniens führendem Windturbinenhersteller Gamesa vorstoßen: Adwen (was für Avanced Wind Energy steht) will Ende 2016 den Prototypen der neuen AD 8-180 präsentieren, einen Brummer mit ebenfalls 8 MW Generatorleistung und einem Rotordurchmesser von 180 Metern.
Was den Siemens Konzern, im vergangenen Jahr nach einer Untersuchung des Consultingbüros Make mit einem Marktanteil von gut 76 % uneingeschränkter Marktführer auf See, nicht unbeunruhigt. Siemens stellte in Kopenhagen seine neue getriebelose 7-MW-Maschine vor, ein Update der bereits in den Markt eingeführten 6 MW-Turbine. „Unsere neue Anlage ist bereits real und steht nicht nur auf dem Papier“, betonte Michael Hannibal, Chef der Offshore-Windsparte, selbstbewusst. Da die neue 7-MW-Anlage nur wenige technologische Neuerung aufweise, sei der Offshore-Windpropeller ohne Probleme von den Banken finanzierbar. „Wir gehen davon aus, dass wir die neue Anlage ab Mitte 2017 an Kunden ausliefern können.“ Vom Vorläufer-Modell, der SWT 6-154 hat Siemens nach Hannibals Angaben bislang mehr als 300 Anlagen verkauft: „Eine solche Stückzahl kann keiner unserer Wettbewerber in dieser Leistungsklasse vorweisen.“
Siemens setzte in Kopenhagen voll auf die Karte Kostenreduktion. „Mit unserer neuen 7-MW-Turbine ist ein Mehrertrag von rund zehn Prozent möglich“, betonte Hannibal, „mit unserem neuen Arbeitspferd werden durchschnittliche Erzeugungskosten von weniger als zehn Cent pro Kilowattstunde über die gesamte Betriebsdauer möglich sein.“
Zusätzlich stellte Siemens eine neue Wechselstromlösung für den Netzanschluss von küstennahen Windturbinen vor. „Unsere Neuheit dient als Ersatz für die bisher verwendeten Umspannplattformen“, sagte Tim Dawidowsky, der die Geschäftseinheit Transmission Solutions leitet, „allein mit dieser Lösung ist eine Kostenersparnis zwischen 30 und 40 Prozent möglich.“ Das in den vergangenen Monaten entwickelte Transformatormodul ist direkt mit der Windturbine verbunden und wird als dezentrales Übertragungssystem installiert. Um bei größeren Hochseewindparks die erforderliche Übertragungskapazität zu erreichen, ist es erforderlich, mehrere Module miteinander zu verbinden.
Was bleibt, ist die spannende Frage, welche Auswirkungen die Horns-Rev-3-Auschreibung auf die deutschen Offshore-Windprojekte haben wird. Auch für diesen Markt bereitet das Bundeswirtschaftsministerium ein Ausschreibungsmodell vor. „Die Rahmenbedingungen vor der dänischen Westküste und in der deutschen Nordsee sind überhaupt nicht zu vergleichen“, warnt Markus Tacke, Chef von Siemens Wind Power, sich an dem Preis von 10,31 Cent/kWh zu orientieren. Auch Manfred Volker Haberzettel, Leiter Geschäftsentwicklung Erzeugung bei EnBW, sieht in dem Ausschreibungsergebnis keinen „Fingerzeig“ für den deutschen Markt: „Das Anforderungsprofil ist komplett anders, ein Big Mac lässt sich auch nicht mit einem Stück Brot vergleichen.“ Die Wassertiefen und die Entfernung zur Küste, alles Kostentreiber, seien ziemlich unterschiedlich: „Außerdem wird in Dänemark der Netzanschluss komplett vom Staat getragen.“
Nicht nur diesen Unterschied betont Gunnar Groebler, der ab dem 1. April für alle Offshore-Windprojekte im Vattenfall-Konzern zuständig ist: „Horns Rev 3 ist eher ein Nearshore-Projekt mit durchschnittlich 15 Metern Wassertiefe. Sandbank, unser nächstes deutsches Projekt liegt 100 km von der Küste entfernt bei Wassertiefen von 35 Metern und mehr.“ Allein bei Transport und Logistik seien damit ganze andere Kosten verbunden.
Dass der Preis für Horns Rev 3 nun 10,31 ct/kWh betrage, habe auch an dem „kompetitiven Ansatz“, gelegen, den das dänische Energieministerium geschaffen habe: „Die wussten, was sie wollten. Das Ministerium habe nur mit den Bietern gesprochen, von denen es überzeugt gewesen sei, dass sie einen entsprechenden Angebotspreis einreichen können.“
Das Ausschreibungsverfahren in Dänemark sollte sich die deutsche Offshore-Windbranche genau anschauen. Dem Vernehmen nach hegt das Bundeswirtschaftsministerium deutliche Sympathien für das Vorgehen der Skandinavier.
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März 23, 2015

Ralf Köpke

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