Dienstag, 21. April 2015

Stilllegungen durch CO2-Abgabe nur Panikmache?





Bild: Fotolia.com, visdia


Kraftwerksstilllegungen in größerem Maßstab, Verlust von Zehntausenden Arbeitsplätzen – dieses Szenario malen IGBCE und Länderchefs angesichts der geplante Klimaabgabe für ältere Kohlekraftwerke an die Wand. Die Erfinder des Instrumentes halten dagegen. „Wir gehen davon aus, dass es nicht zu substanziellen Stilllegungen kommt“, sagte Frank Peter, Energiewirtschaftsexperte von Prognos, bei einer Veranstaltung der Agora Energiewende zum Klimaschutzbeitrag am 16. April in Berlin. „Sehr wahrscheinlich“ werde es auch „keinen Dominoeffekt“ geben, allenfalls wird nur mit einem leichten Rückgang bei den Braunkohletagebauen gerechnet. Entsprechend würden auch „keine substanziellen Beschäftigungseffekte“, das heißt, massenhafte Entlassungen in der Braunkohle-Wirtschaft, erwartet.


Dass es zu 10 GW Stilllegungen kommen könnte – eine Hypothese, die das HWWI formuliert hat − ist für Felix Matthes vom Öko-Institut nicht nachvollziehbar. „Es ist ein selektiver Mechanismus“, betont der Wissenschaftler, der vier Monate lang in Rahmen einer Task Force des Bundeswirtschaftsministeriums das Instrument Klimaabgabe mit erarbeitet hat. Die Vorgabe sei klar gewesen: Es solle dadurch nicht zur Stilllegung von Kraftwerken kommen, Strukturbrüche sollten vermieden werden. Und die Betreiber sollten bei der Umsetzung Flexibilität haben.


Angesichts der Tatsache, dass trotz des massiven Ausbaus der erneuerbaren Energien das Emissionsniveau der Energieerzeugung seit 1995 stabil geblieben, dabei aber die Emissionen der Braunkohleverstromung in den vergangenen Jahren sogar gestiegen sind, muss etwas getan werden. Denn sonst, so erläutert Nicolai Herrmann von der Beratungsgesellschaft Enervis, könnte das Ziel, die deutschen CO2-Emissionen bis 2020 um 40 % zu senken, um 90 Mio. t verfehlt werden. Der Kraftwerkssektor soll durch zusätzliche Minderungen von 22 Mio. t CO2 dazu beitragen, die „Handlungslücke“ zu schließen. Die Emissionen der Stromerzeugung liegen aktuell bei rund 350 Mio. t CO2 und sollen bis 2020 insgesamt auf 290 Mio. t sinken. Die effizienten Minderungspotenziale bei Steinkohle und Erdgas sind laut der Analyse weitgehend ausgeschöpft, so dass nun auch die Braunkohle ihre Emissionen mindern müsse.


Neue Steinkohleanlagen profitieren


Die Kombination der beiden Elemente Emissionsfreibetrag, der bei rund 270 Mio. t CO2 liegen soll, und Klimabeitrag sei wesentlich, so Matthes. Denn der Freibetrag ermögliche den Unternehmen die betriebswirtschaftliche Optimierung ihres Kraftwerkseinsatzes. Einige würden ihre Produktion einschränken. „Für einige Betreiber kann es aber auch vorteilhaft sein, für einen Teil ihrer Emissionen die Klimaabgabe in Form von Zertifikaten zu zahlen“, verdeutlicht Matthes, wenn sie etwa die Stunden mitnehmen wollten, in denen der Strompreis hoch ist. Kraftwerksbetreiber würden laut den Berechnungen bei einem Klimabeitrag von 18 bis 20 Euro/t CO2 nach ihrer betriebswirtschaftlichen Optimierung lediglich für rund 20 Mio. t CO2 den Klimabeitrag zahlen, das heißt für 90 % der Stromerzeugung zahlten sie keinen.


Um eine kosteneffiziente CO2-Vermeidung im Stromsektor zu erreichen, wurden die Brennstoffwechselkosten analysiert. Dabei ergibt sich der „robuste Trend“, dass insbesondere der Wechsel von alten Braunkohlekraftwerken zu neuen Steinkohleanlagen und der Wechsel von alten Steinkohlemeilern zu neuen Erdgaskraftwerken am kosteneffizientesten sind. „Der Klimabeitrag in der jetzigen Ausgestaltung betrifft bis zum Jahr 2020 insbesondere die sehr alten emissionsintensiven und hochwirtschaftlichen Braunkohlekraftwerke“, die in der Merit-Order hinter die neuen Steinkohlekraftwerke verschoben werden, resümiert Matthes. „Steinkohlekraftwerke werden wegen der bereits sehr starken Reduzierung ihrer Volllaststunden kaum betroffen“, sagt Prognos-Experte Peter. Jüngere Steinkohleanlagen wie etwa Moorburg und Karlsruhe würden durch weniger Braunkohleverstromung profitieren und sogar auch 35 bis 40 Jahre alte Steinkohlekraftwerke, meint er.


Wird es also zu Stilllegungen von Braunkohlekraftwerken kommen? Ganz ausschließen können das die Experten nicht. Während das BMWi um diese Frage herumeiert, stellt Patrick Graichen von der Agora Energiewende klar: „Ja, es geht bei der Energiewende um einen Strukturwandel“, und das sollte man den Leuten auch ehrlich sagen. Im Zeitraum bis 2020 würden die ältesten Stein- und Braunkohlemeiler, das sind solche mit einem Lebensalter von 40 bis 45 Jahren, stillgelegt. Das heißt, ihre technische Betriebsdauer würde nur um einige Jahre verkürzt. Sie könnten jedoch übergangsweise in einer Kapazitätsreserve verbleiben. Alte Steinkohleanlagen werden hingegen zunehmend durch erneuerbare Energien verdrängt. Für KWK-Anlagen und Kuppelgas-Verstromung soll es Sonderregelungen geben. Sie erhalten Gutschriften bei der Emissionsbewertung analog der Regelungen im EU-Emissionshandel.


Weil die preissetzenden Steinkohle- und Gaskraftwerke in der Regel nicht belastet werden, sind laut den Berechnungen auch die Strompreiseffekte sehr moderat. Bei einem Zertifikatepreis von 18 Euro/t CO2 würde der Großhandelspreis laut den Berechnungen um 2 Euro/MWh steigen, für Haushaltsendkunden würde er nur um etwa 0,2 Cent/kWh teurer, während gleichzeitig die Differenzkosten des EEG-Kontos sänken.


Trotz Kompensation im Ausland Netto-Minderungseffekt


Das Argument, der Klimabeitrag nütze nichts, weil durch die Klimaabgabe die Kohleverstromung ins Ausland verlagert werde, stimmt so nicht, wie die Experten verdeutlichen. Netto bleibt laut ihren Berechnungen immer noch ein CO2-Minderungseffekt von gut 50 %: Brutto würden durch die Klimaabgabe 50 Mio. t CO2 in Deutschland weniger emittiert, durch die Kompensationswirkung im Ausland reduziere sich dies auf netto 26,7 Mio. t, erläutert Enervis-Experte Hermann. „Die Exportüberschüsse schmelzen deutlich ab, dennoch ist nicht zu erwarten, dass Deutschland bis 2020 zum Netto-Stromimporteur wird“, betont er.





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April 17, 2015


Angelika Nikionok-Ehrlich


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